FVI-Expertenfrühstück

26. FVI-Expertenfrühstück

Digitalisierung ist nicht alles - Aber ohne Digitalisierung ist vieles nichts

Freitag, 25. Juli 2025
mit Marcel Hahn, Jens Reißenweber

Key Takeaways

Thema: "Der Hammer sucht den Nagel" – Warum Predictive Maintenance oft scheitert und wie man es richtig macht.

Zu Gast war Erik (Siemens, Experte für KI in der Fertigung), der eine provokante These mitbrachte: "Wir geben Instandhaltern Smartphones, damit sie Nägel in die Wand schlagen."

  • Die Portfolio-Analyse: Erik zeigte, dass Siemens nicht pauschal Predictive Maintenance (PdM) einführt. Sie analysieren erst: Wie oft fällt die Maschine aus? Wie teuer ist der Ausfall? Erkenntnis: Viele Maschinen fallen täglich für 5 Minuten aus. Dafür braucht man keine KI, sondern muss die Grundursache (Root Cause) beheben. PdM lohnt sich nur bei seltenen, teuren Ausfällen, die man mit Vorlauf (z.B. 2 Tage) erkennen kann. Alles andere ist Geldverschwendung.
  • Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser: Selbst wenn der Algorithmus perfekt funktioniert, vertrauen ihm die Menschen oft nicht. Ein Beispiel: Die KI meldet eine Anomalie. Der Instandhalter sagt: "Ach, das ist nur, weil wir ein neues Produkt fahren." Später fällt die Maschine aus. Die KI hatte recht, aber niemand hat reagiert. Lösung: Man braucht nicht nur Technik, sondern einen Change-Prozess. Der Techniker muss verstehen, warum die KI warnt ("Vibration an Lager 3 erhöht"), nicht nur eine Blackbox-Meldung bekommen.
  • Der Copilot als "Angst-Killer": Siemens hat einen "Industrial Copilot" eingeführt, der Handbücher durchsuchbar macht. Die Angst ("Nimmt mir das den Job weg?") verflog schnell, als die Techniker merkten: "Der Copilot sagt mir, wo ich draufhauen muss, aber den Hammer muss ich immer noch selbst halten." KI wird zum Assistenten, nicht zum Ersatz.
  • Datenfriedhöfe vermeiden: Karl (Teilnehmer) berichtete von einem "Technischen Controller", der nicht auf Kosten, sondern auf Datenqualität achtet. Wenn die Datenbasis Müll ist (z.B. falsche Rückmeldungen im SAP), kann keine KI der Welt helfen.
  • User Journey statt Lastenheft: Statt ein 100-seitiges Lastenheft zu schreiben, sollte man fragen: "Wo hast du heute Schmerzen? Was würde deinen Tag besser machen?" Wenn man das Problem des Werkers löst (z.B. "Ich finde das Handbuch nie"), ist die Akzeptanz für das neue Tool automatisch da.

Einordnung: Strategie vor Technologie

Diese Episode bestätigt unsere Philosophie "Simplify your digital Transformation".

  • ADAM ist kein "Hammer": Wir verkaufen ADAM nicht als Allheilmittel. Wir analysieren mit dem Kunden (wie Siemens), wo der größte Schmerz liegt. Ist es die Dokumentation? Ist es die Ersatzteilsuche? Ist es die Kommunikation? ADAM ist modular: Man nutzt nur das, was man braucht.
  • Der Copilot als Einstiegsdroge: Der von Siemens beschriebene "Industrial Copilot" ist genau das, was ADAM bietet (RAG-Suche in Dokumenten). Das ist der perfekte Einstieg, um Vertrauen in KI aufzubauen, weil es dem Werker sofort hilft, ohne ihn zu bedrohen.
  • Predictive Maintenance mit Augenmaß: Wir versprechen keine Wunder. Aber wenn (wie in Ep 16 gezeigt) WAGO eine Anomalie meldet, sorgt ADAM dafür, dass diese Info nicht verpufft, sondern als konkreter Arbeitsauftrag beim richtigen Techniker landet. Wir schließen die Lücke zwischen "Algorithmus hat recht" und "Mensch handelt".

Fazit: KI muss Probleme lösen, nicht schaffen. Wer KI einführt, ohne den Prozess zu verstehen, digitalisiert nur das Chaos.

Unsere Experten

Marcel Hahn

Hahn Projects GmbH

Jens Reißenweber

Reissenweber GmbH