Warum KI einen dritten Weg zwischen Standardsoftware und Eigenentwicklung eröffnet
Über viele Jahre war die Entscheidung für Unternehmenssoftware vergleichsweise einfach: kaufen, selbst entwickeln oder als Software as a Service beziehen.
SaaS gewann diese Entscheidung häufig. Unternehmen mussten keine eigene Infrastruktur aufbauen, erhielten regelmäßige Updates und konnten neue Funktionen schneller einführen. Gerade für standardisierbare Aufgaben war das ein großer Fortschritt.
Doch das Modell stößt dort an Grenzen, wo Software tief in die eigene Wertschöpfung eingreift. Je stärker eine Anwendung geschäftskritisches Wissen, individuelle Prozesse oder industrielle Daten bündelt, desto größer wird die Frage nach der Abhängigkeit vom Anbieter.
Gleichzeitig verändert generative Künstliche Intelligenz die Softwareentwicklung. Kleine Teams können heute schneller Prototypen erstellen, bestehende Systeme verbinden und individuelle Funktionen entwickeln. Das senkt die Hürde für Eigenentwicklungen deutlich.
Damit beginnt nicht das vollständige Ende von SaaS.
Es beginnt das Ende von SaaS als alternativlosem Standardmodell.
Was aktuelle Eigenentwicklungen tatsächlich zeigen
Ein viel diskutiertes Beispiel liefert der US-Krankenversicherer Curative. Nach Angaben des Unternehmens wurde ein bestehender CRM-Vertrag beendet und innerhalb kurzer Zeit eine eigene Anwendung entwickelt. Der Fall wird häufig als Beleg dafür interpretiert, dass KI klassische Unternehmenssoftware überflüssig macht.
Diese Schlussfolgerung greift zu kurz.
Der Fall zeigt vor allem zwei Dinge:
- KI-gestützte Entwicklung reduziert den Aufwand, individuelle Software zu erstellen.
- Der langfristige Betrieb einer eigenen Anwendung bleibt anspruchsvoll.
Code ist nur ein Teil eines produktiven Systems. Unternehmen benötigen weiterhin ein tragfähiges Datenmodell, Rollen und Berechtigungen, dokumentierte Schnittstellen, Monitoring, Sicherheitsupdates, Tests und eine klare Verantwortung für die Weiterentwicklung.
Eine Anwendung kann in wenigen Wochen entstehen. Die Betriebsverantwortung bleibt über Jahre.
Genau deshalb führt die neue Entwicklung nicht automatisch zurück zur vollständigen Eigenentwicklung.
Das eigentliche Problem ist nicht SaaS
Unternehmen werden auch künftig viele Anwendungen als Dienstleistung beziehen. Für Videokonferenzen, Terminplanung, Reisekosten oder andere standardisierte Aufgaben ist das in vielen Fällen sinnvoll.
Kritisch wird SaaS dort, wo eine Anwendung:
- geschäftskritisches Wissen speichert,
- zentrale Prozesse dauerhaft vorgibt,
- Produktions-, Kunden- oder Anlagendaten verarbeitet,
- individuelle Weiterentwicklung begrenzt,
- oder einen Anbieterwechsel praktisch unmöglich macht.
Das Problem ist dann nicht die Cloud. Es ist die fehlende Handlungsfreiheit.
Ein Unternehmen kann seine Daten formal exportieren und trotzdem abhängig bleiben. Eine CSV-Datei enthält zwar Datensätze, aber häufig keine Historien, Beziehungen, Berechtigungen und fachlichen Zusammenhänge. Auch dokumentierte Schnittstellen helfen nur begrenzt, wenn Änderungen ausschließlich durch den Hersteller möglich sind.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur:
Kaufen oder selbst entwickeln?
Sondern:
Welche Lösung ermöglicht einen schnellen Start und erhält gleichzeitig unsere langfristige Handlungsfähigkeit?
KI verschiebt die Build-or-Buy-Entscheidung
Die klassische Build-or-Buy-Entscheidung beruhte auf einer klaren Annahme: Individuelle Software ist teuer, langsam und riskant. Standardsoftware ist schneller und wirtschaftlicher.
Diese Annahme bleibt teilweise richtig. Sie gilt aber nicht mehr in derselben Absolutheit.
KI-gestützte Entwicklungswerkzeuge können heute:
- Anforderungen in erste Datenmodelle übersetzen,
- Benutzeroberflächen erzeugen,
- Schnittstellen implementieren,
- Tests vorbereiten,
- Dokumentationen erstellen,
- und bestehende Komponenten schneller kombinieren.
Dadurch wird individuelle Entwicklung zugänglicher. Fachbereiche können früher an der Gestaltung teilnehmen, weil Anforderungen nicht mehr ausschließlich in technischen Spezifikationen formuliert werden müssen.
Trotzdem ersetzt KI keine belastbare Architektur. Sie beschleunigt die Umsetzung, aber nicht automatisch die Verantwortung.
Die neue Frage lautet daher nicht, ob KI Softwareanbieter ersetzt. Die interessantere Frage ist, welche Rolle Softwareanbieter künftig übernehmen.
Der dritte Weg zwischen Standardsoftware und Eigenentwicklung
Zwischen klassischem SaaS und vollständigem Eigenbau entsteht ein drittes Modell: Co-Creation auf einer belastbaren Plattform.
Die Plattform liefert wiederverwendbare technische Grundlagen, zum Beispiel:
- Identitäts- und Rechteverwaltung,
- Datenmodelle und Schnittstellen,
- Dokumenten- und Wissensmanagement,
- Prozessautomatisierung,
- KI-Assistenten,
- Protokollierung und Monitoring,
- sowie definierte Erweiterungspunkte.
Das Unternehmen bringt seine Prozesse, sein Fachwissen und seine konkreten Ziele ein. Gemeinsam entsteht eine Anwendung, die nicht auf der grünen Wiese beginnt, aber auch nicht vollständig in den Grenzen eines Standardprodukts bleibt.
Dieses Modell verbindet zwei bisher gegensätzliche Vorteile:
- die Geschwindigkeit einer vorhandenen Plattform,
- und die Individualität einer eigenen Lösung.
Der Anbieter wird dadurch weniger zum Verkäufer eines fertigen Funktionskatalogs. Er wird zum Betreiber, Architekten und Entwicklungspartner.
Warum industrielle Unternehmen besonders betroffen sind
In Industrieunternehmen ist Software selten isoliert. Eine neue Anwendung muss mit ERP-Systemen, Instandhaltungslösungen, Maschinensteuerungen, Dokumenten, Sensorwerten und gewachsenen Datenstrukturen zusammenarbeiten.
Gleichzeitig steckt ein großer Teil des betrieblichen Wissens nicht in strukturierten Datenbanken. Es liegt in Wartungsberichten, Schichtbüchern, E-Mails, Gesprächsnotizen und den Köpfen erfahrener Mitarbeitender.
Eine weitere isolierte Anwendung löst dieses Problem nicht. Sie kann es sogar verschärfen.
Deshalb muss die nächste Generation industrieller Software mehr leisten als einzelne Funktionen bereitzustellen. Sie muss Informationen aus verschiedenen Quellen zusammenführen, Wissen in einen nachvollziehbaren Kontext bringen und vorhandene Systeme ergänzen, statt sie einfach zu ersetzen.
Bei Hahn PRO entwickeln wir diesen Ansatz aus der Instandhaltung heraus. ADAM bleibt auf wissensintensive industrielle Prozesse ausgerichtet: Anlagen, Störungen, Service, Produktion und technische Arbeit.
Die Plattform soll bestehende Systeme nicht unnötig verdrängen. Sie soll dort ansetzen, wo Informationen fehlen, Wissen verloren geht und Mitarbeitende zwischen Systemen vermitteln müssen.
SaaS verschwindet nicht. Aber seine Rolle verändert sich
Das SaaS-Modell bleibt für viele Anwendungen sinnvoll. Was sich verändert, ist sein Anspruch auf Ausschließlichkeit.
Unternehmen werden genauer unterscheiden:
- Welche Prozesse sind standardisierbar?
- Welche Prozesse enthalten eigenes Know-how?
- Welche Daten sind strategisch relevant?
- Wo brauchen Fachbereiche echte Gestaltungsmöglichkeiten?
- Welche Abhängigkeiten sind akzeptabel?
Die Gewinner dieser Entwicklung werden nicht zwingend die Plattformen mit den meisten Funktionen sein.
Erfolgreich werden Lösungen sein, die Geschwindigkeit und Souveränität verbinden:
- sofort nutzbar, aber nicht starr,
- professionell betrieben, aber nicht unersetzbar,
- standardisiert, aber erweiterbar,
- KI-gestützt, aber kontrollierbar,
- gemeinsam entwickelt, aber klar verantwortet.
Das ist kein vollständiger Abschied von SaaS.
Es ist der Übergang von fertiger Software zu anpassbaren, gemeinsam weiterentwickelten Plattformen.
Welche Frage Unternehmen jetzt stellen sollten
Unternehmen müssen nicht jedes bestehende System infrage stellen. Sie sollten aber bei geschäftskritischen Anwendungen prüfen, wie viel Handlungsfreiheit tatsächlich erhalten bleibt.
Ein sinnvoller Einstieg ist ein klar abgegrenzter Prozess:
- Wo entsteht heute manuelle Doppelarbeit?
- Welche Information fehlt regelmäßig?
- Welches Wissen ist an einzelne Personen gebunden?
- Welche Weiterentwicklung scheitert an starren Systemgrenzen?
- Welche Integration verursacht dauerhaft Aufwand?
An solchen Stellen zeigt sich, ob ein Standardprodukt genügt, eine Eigenentwicklung sinnvoll ist oder ein plattformbasierter Co-Creation-Ansatz den besseren Weg bietet.
Nicht jede Software muss individuell werden. Aber strategisch wichtige Prozesse sollten sich weiterentwickeln lassen, ohne dass ein Unternehmen seine Kontrolle verliert.
Das ist möglicherweise nicht das Ende von SaaS.
Aber es ist das Ende von SaaS, wie wir es bisher kannten.
